Europas Fledermäuse überleben Krankheit, die in Nordamerika ein Massensterben auslöst

April 22, 2018

Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

    In Nordamerika sind in den vergangenen zehn Jahren mehr als sechs Millionen Fledermäuse in ihren Winterquartieren am Weißnasensyndrom verstorben. Auslöser für das Massensterben ist ein Pilz. Fledermausforscher der Universität Greifswald haben herausgefunden, dass die Sterberate in den Winterquartieren der europäischen Fledermäuse dagegen sehr gering ist und nicht in Zusammenhang mit der Pilzerkrankung steht. Die Wissenschaftler vermuten, dass sich die europäischen Fledermäuse seit langem an den Pilz angepasst haben und dieser versehentlich aus Europa nach Nordamerika verschleppt wurde. Ihre aktuellen Forschungsergebnisse haben sie in der Fachzeitschrift Mammal Review veröffentlicht.

     

    Im Winter 2006 entdeckten Fledermausforscher in der Howes-Höhle nahe New York erstmals eigentümliche weiße Flecken auf den Nasen von Fledermäusen. In den folgenden Wintern wurden in anderen Fledermausquartieren der Region weitere Fälle gesichtet. Gleichzeitig fanden die Forscher auf dem Höhlenboden eine hohe Zahl an toten Fledermäusen mit weißen Nasen. Als Todesursache wurde der Pilz Pseudogymnoascus destructans festgestellt. Aufgrund der Symptome nannten die Forscher die Krankheit „White-Nose-Syndrom“ (Weißnasensyndrom). Innerhalb von zehn Jahren breitete sich die tödliche Krankheit über den halben nordamerikanischen Kontinent aus. Millionen Fledermäuse starben, und manche Arten sind in einigen Regionen ausgestorben. Für Fledermauspopulationen sind hohe Todesraten ein ernstes Problem, da die meisten Arten nur einmal jährlich Nachwuchs bekommen. Auch in einigen Ländern Europas wurden Fledermäuse mit „weißen Nasen“ beobachtet, aber die Auswirkungen auf die Fledermäuse sind umstritten und bisher kaum untersucht.

    Zoologen der Universität Greifswald erforschen das Weißnasensyndrom seit 2009. In einer aktuellen Studie haben sie Informationen zur Sterberate europäischer Fledermäuse während des Winterschlafs und zu möglichen Todesursachen (geographische Faktoren, Umweltfaktoren, Pilzerkrankung) gesammelt. Mithilfe hunderter Fledermausexperten, die insgesamt 318 Winterquartiere in 30 Ländern untersucht haben, fanden die Forscher heraus, dass die Fledermausmortalität in den europäischen Winterquartieren generell gering und nicht auf den Pilzbefall der Fledermäuse zurückzuführen ist. Marcus Fritze, Mitautor der jüngst veröffentlichten Studie, erklärt: „Aufgrund unserer Forschungsergebnisse vermuten wir, dass der Pilz versehentlich durch den Menschen von Europa nach Nordamerika verschleppt wurde.“ Er verweist dabei auf Studien, die bereits gezeigt haben, dass der nordamerikanische dem europäischen Pilz genetisch sehr ähnlich ist, aber recht unterschiedlich zu asiatischen Isolaten.

    Die Wissenschaftler nehmen an, dass sich die europäischen Fledermäuse im Laufe der Zeit an den Pilz angepasst haben – anders als bei den amerikanischen Fledermäusen. „Basierend auf unseren genetischen Studien gehen wir davon aus, dass der Weißnasen-Pilz schon sehr lange in Europa sein muss“, sagt Dr. Sebastien Puechmaille vom Zoologischen Institut in Greifswald. Zusammen mit Kollegen und Forschern aus ganz Europa sowie mit ehrenamtlichen Fledermaus- und Naturschützern haben die Wissenschaftler infizierte Fledermäuse beprobt, um mit Hilfe genomischer Daten zu erforschen, wann und aus welcher Region der Pilz nach Nordamerika verschleppt wurde und wie es dazu kommen konnte. Ziel ist, Strategien und Empfehlungen zu entwickeln, mit deren Hilfe möglichst verhindert werden kann, dass sich solche Wildtierkrankheiten weltweit verbreiten und dramatisches Massensterben in Tierpopulationen auslösen.

    Weitere Informationen
    Originalpublikation
    Marcus Fritze, Sébastien J. Puechmaille, Identifying unusual mortality events in bats: a baseline for bat hibernation monitoring and white‐nose syndrome research. Mammal Review, März 2018. Link zum Artikel https://doi.org/10.1111/mam.12122

     

     

     

     

    Europäische Fledermauschützer, die das Projekt bislang mit Proben und Daten versorgt haben (in alphabetischer Reihenfolge):

     

    A. Bezard, Alessandra Peron, Alexandre Cartier, Andres Beck, Andriy-Taras Bashta, Anna Roswag, Anna Suvorova, Anne Petzold, Anthony Lane, Ash Murray, Axel Donning, Axel Griesan, Axel Keusemann, Benjamin Même-Lafond, Bernd Ohlendorf, Bernhard Walk, Brigitte Meiswinkel, C. Ibánez, Carsten Dense, Catherine Reilly, Chris Vine, Christian Sebening, Christoph Treß, Christophe Borel, Clemens Kliesch, Csaba Jére, Daniel Eva, Daniela Hamidovic, Daniela Pilgrim, Daniela Schmieder, Daniela Wieser, Dave Hughes, David Anderson, David Aupermann, David Dodds, David García Jiménez, David Patterson, David Wills, Dieter Hülshoff, Dieter Sulzbacher, Dirk Karoske, Ebbe Nytors, Eeva-Maria Kyheröinen, Egoitz Salsamendi, Elena Migens Maqueda, Emrah Coraman, Erich Taube, Ernst Auer, Eva Kriner, Fabio Bontadina, Fabio Suppini, Fiona Parker, Francesco Grazioli, Frank Meisel, Frauke Meier, Fulgencio Lison, Georg Warnke, Gerald Kerth, Goran Rnjak, Gregory Beneux, Grzegorz Lesinski, Guilia Console, Gustav Dinger, H. Mixanig, H. Seimers, Holger Schütt, Ian Bond, Ilaria Vaccarelli, Ilona Imoberdorf, Inazio Garin, Ingrid Heißen, Ingrid Oftedal, Irina Würtele, István Csősz, Ivan Napotnik, Ivana Budinski, J. Nogueras, J. R. Boyero, Jasmin Pašić, Jasminko Mulaomerović, Jean-Yves Courtois, Jean Guhring, Jenny Harris, Jens Berg, Jens Rydell, Jeroen van der Kooij, John Haddow, Jörn Horn, Julia Prüger, Juliane Schatz, Jurgis Suba, Katharina Bürger, Kathy Warden, Kerstin Genz, Klaus Heck, Krzysztof Piksa, Laurent Arthur, Lena Godlevska, Lena Grosche, Lide Jimenez, Llorenc Capella Ripoll, Loic Robert, Lucretia Deplazes, Ludovic Jouve, Luis Vicente, Luisa Rodrigues, Maik Korreng, Manfred Keller, Manuel Graf, Mara Calvini, Marcus Fritze, Maria Das Neves Paiva Cardoso, Markus Melber, Markus Schmidberger, Martin Biedermann, Martin Koch, Martina Palmer, Matija Perne, Matthias Göttsche, Matthias Hammer, Matthias Weiß, Mauro Mucedda, Mechthild Höller, Michael Frede, Mike Debret, Mirna Mazija, Monika Podgorelec, Nataša Sivec, Nia Toshkova, Nick Tribe, Nina Hagner-Wahlsten, Norbert Röse, Nuno Pinto, O. Tejedor, Oliver Kalda, Oscar de Paz, Paola Culasso, Pascal Bellion, Pascal Giosa, Pascal Verdeyroux, Patty Briggs, Paul Hope, Pawel Kmiecik, Per Inge Værnesbranden, Peter Busse, Peter Heubes, Peter Smith, Petra Žvorc, Philippe Theou, Pierre-Emmanuel Bastien, Primož Presetnik, Quentin Smits, Rainer Marcek, Ralf Hansen, Ralf Koch, Rauno Kalda, Reimund Francke, Rich Flight, Roberto Toffoli, Robin Moffitt, Ruddy Cors, S. Rebrov, Sabine Lind, Sam Dyer, Sébastien Puechmaille, Serena Dool, Serena Magagnoli, Shirley Thompson, Simone Pysarczuk, Stefan Schürmann, Stephanie Wohlfahrt, Steve Parker, Stoyan Goranov, Susanne Rosenau, Szilárd Bücs, T. Juhnke, Tamás Görföl, Tarik Dervović, Tea Knapič , Thomas Bormann, Thomas Kuss, Tiago Brito, Tina Aughney, Tino Staudt, Tom Hastings, Tom McOwat, Toni Watt, Torsten Blohm, V. Lensinger, V.S. Crukov, Violeta Zhelyazkova, Vitaliy Guckov, Volker Kubisch, Wigbert Schorcht, Wolfgang Fiedler, Wolfgang Rackow, Yann Le Bris, Yvon Guenescheau, Zuzanna Halat.
     

     

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