In einer aktuellen Studie von Gloza-Rausch et al. (2025) wird erstmals systematisch dokumentiert, dass Wanderratten (Rattus norvegicus) aktiv Fledermäuse jagen – und zwar an großen, urbanen Winterquartieren in Norddeutschland. Untersucht wurden zwei bedeutende Massenwinterquartiere, der Segeberger Kalkberg und der Kalkberg in Lüneburg, in denen jeweils mehrere tausend Fledermäuse überwintern.

Mithilfe von Infrarotkameras und Wärmebildtechnik konnten die Forschenden zeigen, dass Ratten gezielt Jagd auf Fledermäuse machen. Dabei nutzen sie zwei unterschiedliche Strategien: Zum einen fangen sie Fledermäuse direkt im Flug, indem sie sich aufrichten und die Tiere aus der Luft greifen, zum anderen erbeuten sie am Boden oder an Strukturen sitzende Individuen. Dieses Verhalten verdeutlicht die hohe Anpassungsfähigkeit und das ausgeprägte Jagdverhalten der Tiere in urbanen Lebensräumen.

Die Beobachtungen zeigen, dass diese Form der Prädation kein Einzelfall ist. An beiden Standorten fanden sich Hinweise auf wiederholte Jagdereignisse, darunter auch Ansammlungen von Fledermauskadavern. Selbst wenn die dokumentierten Fälle zunächst gering erscheinen, verdeutlichen Modellrechnungen, dass bereits kleine Rattenpopulationen einen relevanten zusätzlichen Mortalitätsfaktor darstellen können – insbesondere während sensibler Phasen wie Schwärmzeit und Winterschlaf. Die Studie ordnet dieses Verhalten in einen größeren ökologischen Kontext ein: Urbane Lebensräume schaffen Bedingungen, unter denen sich invasive oder synanthrope Arten wie die Wanderratte stark vermehren können. Gleichzeitig konzentrieren sich Fledermäuse in großen Zahlen an wenigen geeigneten Winterquartieren. Diese Kombination begünstigt neuartige Räuber-Beute-Interaktionen, die bislang kaum beschrieben waren. Insgesamt zeigt die Arbeit, dass Prädation durch Wanderratten eine bislang unterschätzte Bedrohung für Fledermäuse darstellen kann – insbesondere an großen, urbanen Winterquartieren. Die Autoren empfehlen daher gezielte Maßnahmen zur Kontrolle von Rattenpopulationen an solchen Standorten, um sowohl den Fledermausschutz zu verbessern als auch mögliche gesundheitliche Risiken zu minimieren.

Original: Gloza-Rausch, F., Bergmann, A., & Knörnschild, M. (2025): Active predation by brown rats (Rattus norvegicus) on bats at urban mass hibernacula in Northern Germany: Conservation and one health implications. Global Ecology and Conservation, e03894. https://doi.org/10.1016/j.gecco.2025.e03894

Ratte (Rattus norvegicus) beim Fang einer Fledermaus an der Segeberger Kalkberghöhle
Video eines Fang-Ereignisses, wobei eine Wasserfledermaus (Myotis daudentonii) von einer Wanderratte (Rattus norvegicus) aus der Luft gegriffen wird
Ratten können gezielt Fledermäuse jagen