Kryptische Arten stellen die Fledermausforschung immer wieder vor Herausforderungen: Tiere können äußerlich nahezu identisch aussehen und dennoch genetisch klar voneinander getrennte Entwicklungslinien darstellen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Fransenfledermaus Myotis nattereri und das sogenannte Kryptische Mausohr Myotis crypticus (Achtung: „Mausohr“ kommt vom Gattungsnamen Myotis, obwohl es mit unseren Mausohren Myotis myotis nicht zu verwechseln ist). Eine neue Studie von Ruedi et al. (2026) in Acta Chiropterologica hat nun untersucht, wie stark beide Arten tatsächlich genetisch voneinander getrennt sind und ob es auch heute noch zu einem Austausch von Genen kommt.

Die Forscher analysierten 320 Fledermäuse aus 22 Populationen in Westeuropa. Dafür wurden elf hochvariable genetische Marker untersucht und zusätzlich bei einem Teil der Tiere mitochondriale DNA sequenziert. Die Proben stammten unter anderem aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland, der Schweiz, Italien und Spanien. Um möglichst unabhängige Tiere verschiedener Sommerkolonien zu erfassen, wurden die Fledermäuse überwiegend an Schwärmquartieren gefangen.

Die Ergebnisse bestätigen deutlich, dass M. crypticus und M. nattereri eigenständige Arten darstellen. Trotz ihrer großen äußerlichen Ähnlichkeit sind ihre Kerngenome klar voneinander getrennt. Hinweise auf einen aktuellen genetischen Austausch fanden sich nur in sehr geringem Umfang. Von 305 untersuchten M. nattereri und M. crypticus wurden 99 bzw. 92 Prozent eindeutig ihrer jeweiligen Art zugeordnet. Kein Tier wurde als Hybrid der ersten Generation identifiziert; lediglich einige wenige Individuen, insbesondere aus dem Schweizer Jura, zeigten Hinweise auf weiter zurückliegende Kreuzungen.

Besonders spannend ist dabei ein scheinbarer Widerspruch zwischen mitochondrialer und nukleärer DNA. Im Schweizer Jura besitzen die untersuchten M. crypticus mitochondriale DNA, die eigentlich für M. nattereri charakteristisch ist, während ihr übriges Erbgut sie eindeutig als M. crypticus ausweist. Die Forschenden interpretieren dies als genetische Spur einer historischen Hybridisierung. Als sich die Verbreitungsgebiete nach der letzten Eiszeit wieder nach Norden ausdehnten, trafen zuvor räumlich getrennte Populationen wahrscheinlich im Alpenraum aufeinander und kreuzten sich gelegentlich. Die mitochondriale DNA von M. nattereri blieb dabei bis heute in einigen M. crypticus-Populationen erhalten.

Interessante Unterschiede zeigen sich auch innerhalb der beiden Arten. Die Fransenfledermaus weist über große Teile Westeuropas eine vergleichsweise geringe genetische Strukturierung auf. Selbst Populationen von den Britischen Inseln und dem europäischen Festland unterscheiden sich relativ wenig voneinander. Dies passt zu der Annahme einer vergleichsweise jungen Ausbreitung aus einem gemeinsamen eiszeitlichen Rückzugsgebiet, möglicherweise auf dem Balkan oder weiter östlich.

Ganz anders sieht es bei M. crypticus aus. Hier lassen sich eine westliche Gruppe in Spanien und Frankreich und eine östliche Gruppe in Italien und der Schweiz deutlich unterscheiden. Wahrscheinlich gehen diese beiden Gruppen auf unterschiedliche eiszeitliche Rückzugsgebiete auf der Iberischen beziehungsweise Apenninischen Halbinsel zurück. Zwischen beiden Gruppen findet zwar noch genetischer Austausch statt, die ausgeprägte Differenzierung könnte nach Ansicht der Autoren aber sogar naturschutzfachlich relevante evolutionäre Einheiten widerspiegeln. Für eine solche Bewertung wären weitere Untersuchungen notwendig.

Die Studie verdeutlicht damit, dass gelegentliche Hybridisierung nicht zwangsläufig bedeutet, dass zwei Formen zu einer einzigen Art gehören. Myotis crypticus und M. nattereri haben trotz eines begrenzten historischen Genaustauschs ihre jeweils eigenen evolutionären Entwicklungslinien bewahrt. Die Autoren sprechen sich deshalb klar dafür aus, sie als eigenständige Arten und nicht als Unterarten zu betrachten. Gleichzeitig bestehen noch Wissenslücken: Insbesondere Populationen in Süddeutschland und Zentralfrankreich sollten künftig genauer untersucht werden, um die Kontaktzone und mögliche aktuelle Hybridisierung besser zu verstehen.

Original-Studie:

Ruedi, M., Jan, C., Altringham, J. D., Glover, A. M. & Butlin, R. K. (2026): Population structure and limited gene flow between Myotis crypticus and M. nattereri (Chiroptera) in Western Europe. Acta Chiropterologica 28(1): 1–13. https://doi.org/10.3161/15081109ACC2026.28.1.001

Kryptisches Mausohr Myotis crypticus (Foto: M. Ruedi)
Fransenfledermaus Myotis nattereri (Foto: Harry Weidner)
Kaum zu unterscheiden, aber genetisch getrennt: Myotis crypticus und Myotis nattereri