Allgemein können Mensch-Wildtier-Konflikte (engl. Human-Wildlife-Conflicts; HWC) überall dort entstehen, wo Lebensräume und Interessen von Menschen und Wildtieren aufeinandertreffen. Dieses weltweite Phänomen betrifft daher sowohl Menschen als auch Wildtiere und die Ursachen sind zahlreich und z.T. äußerst komplex. Während einige Definitionen ausdrücklich auf die gegenseitige Abhängigkeit der beiden Entitäten (Menschen vs. Wildtiere) eingehen, betonen andere strikt die negativen Auswirkungen von Wildtieren auf Menschen und lassen das Konzept der Wildtiere völlig außer Acht. Die Betrachtungsweisen zu diesem Thema sind vielfältig und beinhalten mittlerweile zeitliche, kulturelle und auch politische Dimensionen. Die Autoren dieses Review Artikels wollen sich dem Thema mit ihrer Argumentation aus der Perspektive ausgewählter Wildtierarten nähern und so eine symmetrischere Sichtweise auf Mensch-Wildtier-Konflikte fördern.

In der Gegenüberstellung zweier konträrer Beispiele für Mensch-Wildtier-Konflikte (klassische Sichtweise/menschliche Perspektive vs. Wildtierperspektive) ordnen die Autoren die durch Windkraftanlagen verursachte Mortalität von Fledermäusen als eine bisher selten unter diesem Aspekt berücksichtige Form den Mensch-Wildtier-Konflikten zu. Zur Veranschaulichung der klassischen Sichtweise beschreiben die Autoren Raubtier-Weidetier-Konflikte aus der Sicht des Menschen, dessen Lebensgrundlage bedroht ist, weil Elemente der künstlichen Biodiversität (domestizierte Arten) durch natürliche Faunenelemente (Raubtiere) bedroht sind. Anhand dieser beiden Beispiele gehen die Autoren der Frage nach, ob und inwieweit Mensch-Wildtier-Konflikte durch überregionale oder gar globale Ansätze minimiert oder entschärft werden können, oder ob eher fall- und regionsspezifische Strategien notwendig sind. Dazu reflektieren die Autoren u.a. über die Legitimität von Ökosystem-Vergleichen über die Grenzen bio- und zoogeographischer Regionen hinweg – eine wichtige Voraussetzung für globale Lösungsansätze. In einem weiteren Schritt leiten die Autoren das für eine überregionale Betrachtungsweise notwendige Abstraktionslevel her: so kann die etablierte Monophylie der Ordnung der Chiroptera (und im zweiten gewählten Beispiel der Ordnung Carnivora) dabei helfen, Lösungsansätze auf unterschiedlichen räumlichen (global, regional, lokal) und systematischen (Ordnung, Familie, Population, Art, Individuum) Skalen zu entwickeln.

Für die durch Windkraftanlagen verursachte Mortalität von Fledermäusen synthetisieren die Autoren auf diesen Skalen drei wesentliche Lösungsansätze: 1. Globale Ebene: Schaffung internationaler Standards und verbindlicher Richtlinien für die allgemeine Standortwahl, welche den Schutz aller weltweit vorkommenden Fledermausarten gewährleisten sollen, 2. Regionale Ebene: ein auf die regionsspezifische Fledermausgemeinschaft abgestimmtes Konzept zur konkreten Ausgestaltung von Windparks (Lage im Raum, Anordnung, Anzahl) und Anlagenparameter (Typen, Spezifikationen), 3. Lokale Ebene: ein auf die lokal vorkommenden und gefährdeten Fledermausarten abgestimmtes Konzept für den Betrieb von (u.U. einzelnen) Anlagen unter Einbeziehung und maximaler Ausnutzung neuester technischer Methoden (Künstliche Intelligenz) zur Überwachung und Anwendung kollisionsminimierender Algorithmen.

Von den Autoren vorgeschlagener konzeptioneller Rahmen: schrittweise Anpassung von Maßnahmen zur Eindämmung von Mensch-Wildtier-Konflikten von der globalen zur lokalen Ebene, einschließlich einer schrittweisen Anpassung von einer übergeordneten systematischen Kategorie hin zu einer bestimmten Art, manchmal einer Population oder einer Gruppe von Individuen. Voraussetzung: globale Verbreitung und ein gewisser Grad an ökologischer Ähnlichkeit zwischen den Vertretern eines Monophylums, der von Mensch-Wildtier-Konflikten betroffen ist (Spezifikation des Wildtierkonzepts).

Fledermäuse werden weltweit in verschiedenen Landschaften an Windenergieanlagen getötet. In Bezug auf die Mortalität wurden Windenergieanlagen sogar als eine der größten anthropogenen Bedrohungen für Fledermäuse weltweit benannt. Somit ist kaum eine andere Form der erneuerbaren Energien weltweit so umstritten wie die Windenergie, was zu einer komplizierten Abwägungssituation zwischen Umwelt- und Naturschutzbelangen führt. Der Energiebedarf wird in den nächsten 20 Jahren insbesondere in Südamerika, Asien und Afrika dramatisch ansteigen, was angesichts des Klimawandels mit Sicherheit zum Bau von Tausenden von Windenergieanlagen auch auf diesen Kontinenten führen und eindeutige Auswirkungen auf die lokale Fledermausfauna haben wird. So haben beispielsweise erste Studien zu den wenigen bisher in Afrika installierten Anlagen bereits Fledermaus-Todesfälle dokumentiert. Diese Tatsache rechtfertigt umso mehr, dass die durch Windenergieanlagen verursachte Mortalität von Fledermäusen zukünftig als ernstzunehmender Mensch-Wildtier-Konflikt diskutiert wird, dessen Lösungsstrategie auf globaler, regionaler und lokaler Ebene entwickelt werden muss.

Göttert, T., & Starik, N. (2022). Human–Wildlife Conflicts across Landscapes—General Applicability vs. Case Specificity. Diversity, 14(5), 380.  https://doi.org/10.3390/d14050380 

Ein neuartiger, global verbreiteter Mensch-Wildtier-Konflikt infolge der Windenergie